Wie tickt Kärnten wirklich? Eine komplizierte Liebesgeschichte
Türkisblaues Wasser, sanfte Nockberge, sonnenverwöhntes Alpe-Adria-Klima und die sprichwörtliche Kärntner Gemütlichkeit: Für Urlauber und Sommerfrischler ist Kärnten seit jeher das Inbegriff-Bundesland für Erholung. Doch wer die Einheimischen fragt oder den Blick hinter die Postkartenmotive wagt, merkt rasch: Die Beziehung zu diesem Land ist intensiv, hochgradig emotional – und oft herrlich kompliziert.
Im Delta X Verlag ist mit „Kärnten – Eine kritische Liebeserklärung. Zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung” ein bemerkenswertes Lesebuch erschienen, herausgegeben von Leopold Stollwitzer anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Club Carinthia in Wien. Über 40 Autorinnen und Autoren aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Publizistik zeichnen darin ein schonungslos ehrliches, humorvolles und tiefgründiges Bild ihrer Heimat.
Sympathieweltmeister mit Asymmetrie: Wiener Liebe, Kärntner Skepsis
Wie die Kärntner Seele tickt, weiß OGM-Institutschef Wolfgang Bachmayer, der seit seiner Kindheit zu Gast in Kärnten und mit einer Villacherin verheiratet ist. Er bringt in seinem Beitrag handfeste Zahlen mit: In einer repräsentativen OGM-Umfrage unter 2.700 Österreicherinnen und Österreichern zur gegenseitigen Sympathie der Bundesländer schneidet Kärnten aus Sicht der anderen Wiener besonders gut ab – 80 % der Wiener bekunden den Kärntnern Sympathie.
Die Replik aus dem Süden fällt allerdings nüchterner aus: Umgekehrt finden nur 58 % der Kärntner die Wiener sympathisch.
Bachmayer verortet das Phänomen treffend im Kärntner Harmoniebedürfnis: Man ist nicht streitsüchtig – aber die Kärntner „tschentschn” gern, jenes gemütliche Entsprechungswort zum Wiener „Keppeln”, bei dem man den Dingen selten verbissen auf den Grund geht, aber genüsslich Dampf ablässt. Gepaart mit einem charmanten Schuss Selbstironie verzeiht man dem Land so manche Provinzialität mit dem Stoßseufzer, der in diesem Buch gleich mehrfach auftaucht: „Oba scheen is schon!”
Zwischen Zorn, Melancholie und badenden Dichtern
Dass Liebe zu Kärnten selten ohne Reibung existiert, zeigen die literarischen Beiträge des Bandes:
- Der Beinahe-Austritt: Der Schriftsteller Egyd Gstättner schildert in gewohnt furioser Selbstironie seinen Entschluss, „aus Kärnten auszutreten”, weil ihn der Literaturbeirat des Landes seit Jahrzehnten mit fehlender Anerkennung kränkt. Den bitterbösen Beschwerdebrief an Landeshauptmann Peter Kaiser schickte er am Ende aber doch nicht ab: Der Landeshauptmann ist nämlich sein Badenachbar im Strandbad – und „von Badegast zu Badegast” bringt man es dann eben doch nicht übers Herz.
- Radikaler Schnitt statt Historien-Last: Theaterregisseur Martin Kušej wiederum fordert in seinem Text „Kärnten NEU” einen schonungslosen Befreiungsschlag: Er möchte die schwere Last von Abwehrkämpfen, Mythen und Identitätsstreitigkeiten „in einen Graben stürzen lassen”, um den Kopf frei für eine echte Zukunft zu bekommen.
- Die Sprache des Herzens: Die Kulturjournalistin Katja Gasser zeichnet ein berührendes Bild ihrer Kindheit in Ludmannsdorf/Bilčovs. Sie beschreibt, wie der slowenische Rosentaler Dialekt ihre „Herzsprache” und ihr intimstes Zuhause geblieben ist, während die deutsche Hochsprache zu ihrer „Denksprache” wurde – ein Plädoyer für Zugehörigkeit ohne nationalistische Vereinnahmung.
Das „ausbruchsichere Paradies” am Scheideweg
Oliver Vitouch, langjähriger Rektor der Universität Klagenfurt und selbsterklärter „Beutekärntner”, leiht sich für seinen Essay den Titel einer Kurzgeschichten-Sammlung von Charles Bukowski und nennt Kärnten ein „ausbruchsicheres Paradies”. Ein Land gesegnet mit Natur, Kultur und einer Universität, die in Rankings regelmäßig überrascht – und das dennoch immer wieder mit seiner Identität hadert. Zwischen Wehmut und Selbstironie wünscht er sich in Anlehnung an ein bekanntes politisches Schlagwort ein Ende der „MCGA”-Größenfantasien („Make Carinthia Great Again”) und bringt seine Hassliebe am Ende auf den Punkt: „Kärnten, ich liebe Dich, ich hänge an Dir, ich plage mich mit Dir ab, ich würge an Dir. Es sieht ganz so aus, als würde doch noch ein echter Kärntner aus mir.”
Zwischen den historischen Entdeckungen des Bandes – wie den 1917 von der Sinaifront an den Klopeiner See geschickten „Briefen aus Gaza” (Dorothea Nahler) oder Gerhard Weinbergers bewegender Familiengeschichte über die von den Stürmen der NS-Zeit gezeichnete Ehe seines Großvaters mit einer jüdischen Frau im Lavanttal – wird eines deutlich: Kärnten lässt niemanden unberührt.
Es ist kein einfaches Land, aber ein zutiefst liebenswertes. Wer verstehen will, wie dieses Bundesland zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung wirklich tickt, kommt an diesem Lesebuch nicht vorbei.





