40 Jahre Club Carinthia
Leopold Stollwitzer (Hrsg.)
Kärnten – Eine kritische Liebeserklärung
Zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung
📖 320 Seiten
🔢 ISBN: 978-3-903229-54-9
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Eine kritische Liebeserklärung an Kärnten
Seit vier Jahrzehnten bietet der Club Carinthia Kärnten in Wien eine Bühne. Zum Jubiläum ist ein außergewöhnlicher Sammelband entstanden, in dem mehr als 40 Autor:innen ihre Sicht auf Kärnten teilen – persönlich, politisch, kritisch und liebevoll.
Der Band vereint Innensichten wie Außensichten, die Texte erzählen von Erinnerungen und Erfahrungen, von Literatur und Geschichte, von Wirtschaft, Kultur und Sport. Manche Stimmen blicken nostalgisch zurück, andere fragen nach den Chancen der Zukunft. Gemeinsam entsteht so ein vielschichtiges Porträt eines Landes, dessen Geschichte und Gegenwart immer wieder leidenschaftlich diskutiert werden, das zugleich aber fasziniert – und dessen Identität stets neu verhandelt wird.
Mit Beiträgen von über 40 profilierten Autorinnen und Autoren
Unter anderem mit: Katja Gasser, Konrad Paul Liessmann, Martin Kušej, Sabine Herlitschka, Lojze Wieser, Walter Oblin, Antonia Gössinger u. v. m.
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Peter Allmaier
Wolfgang Bachmayer
Leni Barros dos Santos
Michael Bünker
Marco Di Blas
Antonio Fian
Johanna Antonia Frey
Richard Fröhlich
Heinz Gärtner
Hans Gasser
Katja Gasser
Lisa Gfrerer
Antonia Gössinger
Egyd Gstättner
Peter Hasslacher
Sabine Herlitschka
Laura Hinteregger
Gilbert Isep
Dieter Kalt
Martin Kušej
Konrad Paul Liessmann
Walburga Litschauer
Arnold Mettnitzer
Lydia Mischkulnig
Rainer Münz
Dorothea Nahler
Walter Oblin
Michael Opriesnig
Hubert Patterer
Thomas Peyker
John Pirkopf
Peter Plaikner
Brigitte Prem
Angelika Messner Prokes
Anita Radske
Martina Rattinger
Karl Schwarz
Mitra Shahmoradi
Kathrin Stainer-Hämmerle
Leopold Stollwitzer
Oliver Vitouch
Maximilian Wassermann
Gerhard Weinberger
Lojze Wieser
Adolf Winkler
Lukas Zitz
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Vorwort
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Noch ein Buch über Kärnten? Wozu, mag man sich fragen. Ist über dieses Bundesland nicht längst alles gesagt? Die Schönheit seiner Landschaft vielfach beschrieben, die kulturelle Vielfalt im Schnittpunkt slawischer, friulanischer und deutscher Identitäten ausgiebig gewürdigt, wirtschaftliche, soziale und demografische Herausforderungen wiederholt aufgezeigt? Was also erwartet die Leserinnen und Leser hier an Neuem?
Das vorliegende Buch ist aus mehreren Überlegungen entstanden: Zum einen versteht es sich als selbstbewusste Festschrift anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Club Carinthia in Wien – und steht damit in einer bewährten Tradition. Es knüpft an das erfolgreiche Jubiläumsbuch „Wie weit ist Kärnten/Koroška?“ an, das der seinerzeitige Club Carinthia Präsident, Cornelius Granig, zum 20-jährigen Bestehen des Clubs im Jahr 2005 herausgab.
Zum anderen versammelt dieses Buch die Perspektiven vieler Vortragender der letzten Jahre im Club Carinthia: Es lädt sie ein, ihre Sichtweisen auf Kärnten zu teilen – mit dem Ziel, den Blick auf das Bundesland zu weiten, zum Nachdenken anzuregen und zur Diskussion über Kärnten beizutragen. Daraus ist ein bewusst vielschichtiges und multiperspektivisches Panorama entstanden – ein Mosaik von Stimmen, Hintergründen und Lebensrealitäten, verbunden durch ihre Beziehung zu Kärnten.
Dem Publikum öffnet sich ein facettenreiches Lesebuch von Kärntner*innen sowie „Zuagrastn“ für Kärntner*innen – ebenso wie für Kenner und Freunde des Landes. Es vereint sachliche, teils kritische Analysen der aktuellen Gegebenheiten mit einem äußerst optimistischen Ausblick auf Kärntens Zukunft, augenzwinkernd generiert durch die Künstliche Intelligenz namens „ChatGPT“. Daneben finden sich sehr persönliche Erzählungen, etwa das innere Ringen eines Paares der Generation Z um Heimat und Herkunft nach dem Aufbruch aus Kärnten zum Studium. Wie ein Kontrapunkt lesen sich dazu die optimistischen Erwartungen an Kärntens Industrie- und Standortpolitik in den Beiträgen von Vorständen („CEOs“) milliardenschwerer Unternehmen wie Infineon, Kelag, oder der österreichischen Post. Besonders berührend sind die kritischen Liebeserklärungen Kärntner Literat*innen an ihr Heimatbundesland. Überaus amüsant ist auch die ironische Titulierung Kärntens als „ausbruchsicheres Paradies“ durch einen selblerklärten „Beutekärntner“.
Eine kleine historische Sensation enthält der Band ebenfalls: die „Feldpost-Briefe aus Gaza“ und von der Sinaifront aus dem Jahr 1917 – geschrieben von Friedrich (Fritz) Johann Latscher von Lauendorf an seine Frau Sieglinde (Linda) am Klopeiner See (aus dem Privatarchiv von Frau Dr. Dorothea Nahler, einem Mitglied des Club Carinthia). Ergreifend ist auch der poetische Rückblick eines ehemaligen Kärntner Top-Diplomaten auf die widersprüchliche, von den Stürmen der NS-Zeit gezeichnete Ehe seines Großvaters mit einer Wiener Jüdin im Lavanttal.
Spannend zu lesen sind zudem die persönlichen Perspektiven zahlreicher Kärntner*innen, die aus den USA, Guatemala oder dem Iran auf ihre Heimat blicken, ebenso wie der journalistische Blick aus dem benachbarten Friaul auf Ereignisse in Kärnten. Abgerundet wird dieses vielseitige Kärnten-Bild durch persönliche Reflexionen namhafter Medienfachleute, Vertreter*innen der Zivilgesellschaft sowie Repräsentanten der katholischen und evangelischen Kirchen und aus dem Sportbereich.
Das 40-Jahr-Jubiläum des Club Carinthia 2025 bietet jedenfalls einen exzellenten Rahmen für dieses Buchprojekt. Seit seiner Gründung versteht sich der Club als Plattform zur Stärkung der Sichtbarkeit Kärntens in Wien und fungiert somit als intellektuelles und kulturelles Sprachrohr Kärntens in der Bundeshauptstadt. Einer Stadt, in der föderale Interessen oft im Wettstreit stehen und mediale Lautstärke kein seltenes Stilmittel ist, um sich im Konzert der Regionen und Bundesländer hervorzutun. Gerade deshalb kommt dem unaufgeregten, aber professionellen Netzwerk rund um den Club Carinthia besondere Bedeutung zu: als Brücke zwischen Bundesland und Bund sowie zwischen regionaler Identität und nationaler Mitgestaltung.
Zudem generiert der Club in Wien alljährlich entsprechende Öffentlichkeit für Kärntner Top-Events, wie z.B. den Carinthischen Sommer und die Fresacher Toleranzgespräche. Seit Jahren ist der CC Kooperationspartner der Landesregierung beim alljährlichen Fest für Kärnten in Wien, ebenso wie des Slowenischen Instituts. Nicht zuletzt erfüllt der Club Carinthia seit Jahrzehnten eine weitere wichtige Funktion: Er ist Anlaufstelle für neu zugezogene Kärntnerinnen und Kärntner in der Bundeshauptstadt.
Mein großer Dank gilt allen Mitwirkenden für ihren engagierten Beitrag und für ihre Zeitdisziplin, sowie meinen Vorstandskollegen und -kolleginnen, dem Delta X Verlag und vor allem meiner Frau Gudrun für ihre Ermunterung zu diesem Projekt und ihre nachhaltige Unterstützung.
Viel Spaß bei der Lektüre
Liebe Kärntnerinnen, liebe Kärntner!
Die Liebe, das Studium oder der Beruf sind oftmals Gründe dafür, unser schönes Kärnten zu verlassen und sich in Wien niederzulassen. Großstädte besitzen ihren ganz eigenen Charme und werden so zum neuen Lebensmittelpunkt – Kärnten jedoch, bleibt im Herzen die Heimat. Der Club Carinthia ist der lebende Beweis dafür, dass man seine Wurzeln, seine Identität und seine Herkunft niemals vergisst.
Bereits seit 40 Jahren bietet der Club allen „Exil-Kärntnerinnen und -Kärntnern“ die Möglichkeit, sich zu vernetzen, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Er ist nicht nur eine gemütliche Runde, sondern eine beliebte und wichtige Anlaufstelle für Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft. Als Landeshauptmann gratuliere ich herzlich zum 40-jährigen Bestehen.
Mein Dank gilt Präsident Leo Stollwitzer und seinem gesamten Vorstand für ihre fortwährenden Bestrebungen, Kärntner Interessen und den Erhalt von Kulturgütern voranzutreiben. Bitte macht weiter so. Auch wenn es mich besonders freut, wenn junge Menschen nach ihrer Ausbildung in unser schönes Kärnten zurückkommen und es mit Erfahrung und Know-how bereichern, so ist es gut zu wissen, dass sie im und durch den Club Carinthia jederzeit eine Anlaufstelle und ein undurchtrennbares, verbindendes Band zur Heimat haben.
Mit freundlichen Grüßen,
KÄRNTEN
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Für den Zuagrastn wirkt die Aufgabe zur Standortbestimmung seiner Wahlheimat wie eine unerzogene Anmaßung. Das gilt prinzipiell global aufgrund von Karl Valentins Integrationsgebot „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ und speziell regional infolge Peter Handkes Nachdenktitel „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“. Die landläufige Behauptung „Kärnten is lei ans“ postuliert jedenfalls eine Einzigartigkeit, die es just in dieser Form nicht gibt (siehe „Tirol isch lei oans“). Manch wahre Originalität bleibt hingegen ungepflegt. Dieses Paradoxon der Hintanstellung wirklich beispielloser Merkmale gegenüber durchaus verwechselbaren Eigenheiten manifestiert sich bereits im Kärntner Heimatlied mit „Dort, wo Tirol an Salzburg grenzt“. Welch Selbstverständnis hat ein Land, das seine Hymne mit den Nachbarn beginnt? Nur solchen im Norden und Westen, wohlgemerkt. Das war 1822, bei Veröffentlichung des ersten Teils von Johann Thaurer Ritter von Gallenstein ebenso Programm wie 1930, als Agnes Millonigs vierte Strophe hinzugefügt wurde. Wenn schon der 200. Jahrestag des Ur-Textes kein Nachdenken über diese geistige Verortung ausgelöst hat, so sollte es zumindest die nahende 100. Jährung seiner Ergänzung bewirken. Unter der Grundbedingung, dass konstruktive Kritik eine Form von wohlwollendem Respekt ist, erlaubt sich der Zuagraste also einige Anmerkungen.
Vorarlberg ist für die Definition des österreichischen Westens in einer noch exponierteren Lage als Kärnten zur Konkretisierung des Südens. Doch das Ländle hat dem Nachteil, austrospezifisch hinter Tirol zu sein, immer den Vorteil des internationalen Bodenseeraums mit Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein entgegengesetzt und daraus ein besonders selbstbewusstes Landesverständnis entwickelt. Als politischem Frontland in wirtschaftlicher Nachrangregion blieb dem hinter der Steiermark vermessenen Kärnten ein so umfassendes Alternativbouquet historisch verwehrt, doch seit der Neuordnung Europas vor 35 Jahren wird die Chance der internationalen Mehrfachorientierung zu wenig genutzt. Statt permanent die Einmaligkeit am Schnittpunkt der drei großen europäischen Kulturen zu propagieren, begnügt Kärnten sich mit der besseren Anbindung an Graz und Wien durch die Koralmbahn. Noch 2014 lockte es nach der Fußball-WM mit „Wir gratulieren dem Weltmeister“ auf deutscher Flagge am nördlichen Landeseingang. Mehr Unterwürfigkeit geht nicht. Ähnliches für Italien im Süden hätte nicht zuletzt 2006 eine Protestwelle ausgelöst. Und für Slowenien? Undenkbar.
Die unterschwellige Aversion gegen die eigene zweite Volksgruppe überragt immer noch die überfällige Neuverortung im Herzen Europas, wo Germanisches auf Romanisches und Slawisches trifft. Der Humus für diesen Kleingeist ist die europäische Geschichte. Aus einer lange erhofften neuen Weltordnung abgeleitete Chancen, ihn zu überwinden, schwinden mit der wieder stärkeren Abgrenzung von Blöcken. Aus Chinas Strategie einer neuen Seidenstraße ist Italien wieder ausgestiegen, und die EU-sierung des Westbalkans erscheint als ferne Zukunftsmusik für eine von existenzieller Krise bedrohte Union. Die Veränderung der grundsätzlichen politischen Rahmenbedingungen auf allen Ebenen erschwert alle Schritte zur mikroregionalen Integration. Wer sich dem rückschrittlichen Zeitgeist zur Einhausung, Grenzziehung und Verzollung, zum gesellschaftlichen Cocooning aus Sorge vor den Folgen von Globalisierung und Digitalisierung widersetzt, riskiert seine Wiederwahl. Die Übersichtlichkeit von Heimat und Scholle feiert fröhliche Urständ als Antwort auf die technologisch getriebene Urbanisierung und Internationalisierung. Kärnten wirkt in diesen Widersprüchen wie ein ständiger Kontrapunkt. Der Sonderfall unter Jörg Haider ist zum Normalzustand mit Peter Kaiser geworden. Die Landeshauptleute und ihre Parteien stehen prototypisch für die Gegenläufigkeit zum allgemeinen Trend. 2012 war die freiheitliche Mehrheit und Regierungsbeteiligung einzigartig, 2025 ist das Standard; als Junior in vier Bundesländern, mit Majorität und Landeshauptmann in der Steiermark – Österreichs Tor zum Süden.
Unterdessen hat Kärnten als letztes Bundesland eine SPÖ-ÖVP-Regierung (umgekehrt zum mittlerweile weiteren Einzelfall Tirol). Slowenien hingegen ist als einziger Staat in drei der vier makroregionalen EU-Strategien – für Donau- (EUSDR), Alpen(EUSALP) und ionisch-adriatischen Raum (EUSAIR). So gesehen stimmt der vorerst ironisch anmutende Buchtitel „Kärnten liegt am Meer“, den schon 2012 von Wolfgang Petritsch, Wilfried Graf und Gudrun Kramer herausgegebenen „Konfliktgeschichte/n über Trauma, Macht und Identität“. Slowenien ist eher noch als Italien der Schlüssel einer stärkeren Hinwendung des nur EUSDR- und EUSALP-Mitglieds Kärnten nach Süden. Die Euregio Senza Confini mit Venetien und Friaul Julisch-Venetien bildet die Gunstlage nicht hinreichend ab.
Während noch vor den Landesregierungen unter Peter Kaiser einerseits der Ortstafelkonflikt endlich beigelegt wurde und der Landeshauptmann selbst die Integration eines trikulturellen Raums auch im europäischen Ausschuss der Regionen forciert, zeigen Einzelereignisse wie der unverhältnismäßige Polizeieinsatz an der Gedenkstätte des Peršmanhofs, wie brüchig die nun angestrebte kärntnerisch-slowenische Freundschaft noch ist. Dabei zeigt ein Blick nach Westen, welch enorme Chancen die Überwindung alter Volksgruppen-Feindmuster birgt: Südtirol mag in seiner historischen Entwicklung geradezu reziprok wirken, ist aber nur infolge der Autonomie-Lösung zur Minderheitenfrage eine der reichsten Regionen Europas, Kärnten hingegen sogar innerhalb von Österreich ein Nachzügler.
Wenn das Land vor 60 Jahren noch mehr Einwohner als das heute um ein Drittel bevölkerungsreichere Tirol hatte, mag das seiner Randlage geschuldet sein. Dass es bloß rund ein Viertel der Nächtigungen aufweist, ist aber eine touristische Fehlleistung. Auch im nach Bevölkerung gleich großen Salzburg sind es mehr als doppelt, in Südtirol gar fast dreimal so viele. Mit Überkonzentration auf den deutschen und österreichischen Gast sowie Unterbelichtung südlicher und östlicher Herkunftsstaaten lässt sich das nicht erreichen. Ähnlich steht es um die wirtschaftliche und infrastrukturelle Strategie mit der Steiermark unter dem Titel „Stern des Südens“. Ohne gleichrangige Fortsetzung Richtung Meer kann das zur Sackgasse geraten – mit Kärnten als wahrem Dead End. Diese Annahme ist keine Absage an die Florida-Option für den Lebensabend, doch das kann doch noch nicht alles gewesen sein.
Wo KAC und VSV im Eishockey Jahr für Jahr vorzeigen, wie befruchtend städtische Rivalität sein kann, müsste der Derbysieg-bedingte Farbwechsel des Turms auf dem Pyramidenkogel auch jedes Mal ein Signal zu mehr Bewusstsein für die ganzheitliche Stärke der Twin-City-Lage sein, statt auf die unterschiedliche Anrainerschaft von Wörther und Ossiacher See zu pochen. Zentralraum ist ein zu technokratischer Begriff für den Reiz von Österreichs sechst- und siebtgrößter Kommune an seinem fünft- und neuntgrößten Gewässer. Näher noch als am Meer liegt Kärnten am Mehr – es zeigt das bloß zu altbacken her. Wo der Chip-Hersteller Infineon als Modernitätsausweis in Dauerschleife herhalten muss, wirkt noch allzu vieles aus der Zeit gefallen. Die touristische Schlagseite als Fortsetzung einer überkommenen Deutschtümelei ist bloß das auffälligste Symptom dafür.
Das Land benötigt eine organisierte Identitätsfindung für die neue Rolle im Herzen Europas. Als Teil des politisch ausgerufenen „Stern des Südens“ kann es immer nur Zweiter hinter der Steiermark sein. Um sein singuläres Profil zu schärfen, braucht es einerseits die Neudefinition von „Wo Tirol an Salzburg grenzt“ als folgerichtige Partnerschaft der drei Mittelständler nach Bevölkerungszahl, die zudem ihr hoher alpiner Anteil verbindet. Andererseits braucht Kärnten neben der Pflege der intra-austriakischen Antipoden vor allem eine zeitgemäße Kalibrierung des Selbstverständnisses von Süden. Die Bescheidung auf den Süden von Österreich ist fatal, weil in vielerlei Hinsicht endend. Zukunftschancen entstehen viel eher aus einer Neuverortung als Anfang des Südens von Europa. Südtirol zeigt dies als Tor zu Italien. Kärnten kann auch ein solches sein, aber mehr noch zum Balkan. Dabei steht es eher in Konkurrenz als Partnerschaft mit der Steiermark, die mit der Diskussion um die Aufnahme ihres historischen Hymnentextes in die Landesverfassung soeben das Verhältnis zu Slowenien belastet. Letztlich sollte es einen Wettbewerb um gute Beziehungen dorthin geben. Kärnten kann bei der Scharnierölung zwischen germanisch und slawisch geprägtem Europa eine Rolle einnehmen, wie sie Luxemburg im Benelux-Verbund zukommt. Der kleinste Partner hat als zusätzliches Sprungbrett in den romanischen Raum die privilegierteste Position. Er muss sie aber wollen. Kärnten liegt am Mehr – wenn es sich darauf besinnt, was unbefangenen Zuagrasten eher auffällt als geschichtsgeprägten Einheimischen. Vielleicht sollte auch hier eine Diskussion um die Landeshymne einsetzen. So etwas provoziert prinzipiell. Doch es zwingt Neuerer wie Traditionalisten zur Suche nach Antworten auf die Frage nach der regionalen Selbstidentifikation. Als Anstoß für einen fruchtbaren Streit spendiert der Zuagraste – bei allem Respekt vor der Wahlheimat – eine neue Strophe:
Dort, wo man beide Sprachen spricht, und es schon stark nach Süden riecht, entsteht aus allzu langem Streit der Auftrag zur Gemeinsamkeit. Dank dem durch viel Leid Erlernten mischt Europa sich in Kärnten.
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Beobachtungen und Gedanken von Wolfgang Bachmayer, Geschäftsführer von OGM Research & Consulting, seit Jahrzehnten nicht nur viel als Berater in Kärnten tätig, sondern auch seit seiner Kindheit zu Gast in Kärnten und mit einer Villacherin verheiratet.
Schon mancher Historiker, Dichter und Denker hat das Kärntner Wesen und seine besondere Lebenskultur zu ergründen versucht. Nicht ohne Grund hat auch der früher als „Psychiater der Nation“ bezeichnete Professor Erwin Ringel nach seinem bekannten Werk zur österreichischen Seele eine Ausgabe zur Kärntner Seele folgen lassen.
Auch ich habe mir oft Gedanken zum Kärntner Wesen gemacht. Wo liegen die Ursprünge für die Mentalität dieses liebenswürdigen, manchmal aber auch recht bockigen Menschenschlages? Ist es der Jahrtausende alte Schnittpunkt aus mehreren Kulturen, die Verschmelzung von Mediterranem, Slawischem, Deutschem und Altösterreichischem, was einen solch lebensfrohen, freundlichen, kommunikativen, gefühlsbetonten, aber auch sentimentalen und manchmal melancholischen Menschenschlag geformt hat? Oder war es das südliche Klima und die sanft geschwungene Landschaft mit ihren einzigartigen Seen und Nockbergen, begrenzt durch die dunklen Tauern im Norden und die schroffen Karawanken im Süden?
Die Kärntner lieben ihre kleine, heile Welt. Sie sind im Grunde bescheiden und wollen nicht hoch hinaus. Diese kleine Welt erschwert aber auch den Blick auf die große Welt. Das hat in Kärnten manche notwendige Entwicklung und Modernisierung behindert. Kärnten hat trotz sinnvoller Alpe-Adria-Konzepte seine Lage als Drehscheibe zu verschiedenen Kulturen nie richtig zu nutzen gewusst. Kleinräumiges Denken ist eben kein Nährboden für Innovation, Kooperation und Internationalität. Wenn die Kärntner es aber anderen gleich tun und hoch hinaus wollten, ging es oft schief, das Turmgebäude der Alpe-Adria-Bank in Klagenfurt oder das ewige Flughafenprojekt ist ein Mahnmal dafür. Böse Zungen behaupten, dass man es nur außerhalb Kärntens weit bringen könnte. Aber die meisten Exil-Kärntner behalten ihre Wurzeln und kehren immer wieder in ihre Heimat zurück.
Dabei hat Kärnten einige große Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaften hervorgebracht, man denke nur an Robert Musil, Ingeborg Bachmann, Egyd Gstättner, Peter Handke und Udo Jürgens, um nur einige zu nennen. Paul Watzlawick, der große Forscher und Begründer der modernen Kommunikationstheorien stammte auch aus Villach, bevor er in Kalifornien zum Weltstar der Kommunikationsforschung wurde. Vielen Menschen in Kärnten ist das aber wahrscheinlich ebenso wenig bewusst wie die ehemals große politische Bedeutung ihres Landes.
Kärnten war nämlich vor vielen Jahrhunderten das erste Österreich, lange bevor es Ostarrichi hieß. Mit dem Königreich Noricum, das am Magdalensberg sein Zentrum hatte und die ganzen Ostalpen bis zur Donau einschloss, begann die eigentliche Geschichte Österreichs. Das ist aber den meisten Kärntnern nicht bekannt und diese ehemalige Größe und Führungsrolle ist ihnen wahrscheinlich auch ziemlich gleichgültig. Die Kärntner eint weniger ein historischer Stolz und Geschichtsbewusstsein, sondern ihre Liebe zur Natur, zum Gesang und Geselligkeit.
Das Liedgut und die Sangesfreude sind das beste Zeichen des Lebens- und Gemeinschaftsgefühls der Kärntner. Kaum ein Lied wird allein gesungen, die meisten sind mehrstimmig, kein Bundesland hat so viele Chöre und Singgruppen. Dass schon vor mehr als 200 Jahren die Metternich‘schen Späher die Kärntner Lieder als „Lebensäußerungen des gemeinen Volks“ misstrauisch beäugten, scherte die Kärntner wenig. Sie singen auch heute noch gern allein für sich und haben ihr liebstes Kulturgut nicht wie andere Regionen zur Folklore-Show für Touristen degradiert.
Aus dieser sanften, auch etwas melancholischen Gefühlsbetontheit ist ein liebenswerter und gastfreundlicher Menschenschlag entstanden. Die Kärntner sind überhaupt nicht konfliktfreudig oder streitsüchtig, aber sie „tschentschn“ gern. Das ist jene Art der Auseinandersetzung bei unterschiedlichen Standpunkten, die in Wien „keppeln“ heißt und bei der man den Problemen selten konsequent auf den Grund geht, aber Luft ablässt und den Ärger los wird.
Wenn den Kärntnern etwas gegen den Strich geht, verpacken sie das gerne auch in humorvolle Kritik oder hintergründige Heiterkeit. In Kärnten lacht man gerne. Nicht ohne Grund sind die Faschingssitzungen Kärntens über die Grenzen hinaus bekannt und der Villacher Fasching seit Jahrzehnten eine der quotenstärksten Sendungen des ORF. Der Villacher Faschingsgruß „Lei Lei“ und das sprichwörtliche „Lei losn“ lassen wahrscheinlich am besten erahnen, was das Wesen und Temperament der Kärntner ausmacht. Natur, Klima und Menschenschlag vermischen sich zu einem Elixier behaglichen Wohlgefühls, das auch über manche Mängel hinwegsehen hilft. Rückständigkeit und Versäumnisse werden oft durch Liebenswürdigkeit wettgemacht, Provinzialität wird charmant verpackt. Dass in Kärnten die Liebe eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich auch an der jahrzehntelangen Führungsposition von unehelichen Geburten in Österreich.
Als Urlaubsland vermittelt Kärnten trotz mancher Mängel eine natürliche Gastfreundschaft ohne jede Aufdringlichkeit, fern von vorgefertigten Erlebniswelten, Zwangsbeglückung durch Animateure und „Customer Relations Enforcment Programs“. So betrachtet war der frühere Kärntner Slogan „Urlaub bei Freunden“ für mich einfach die Wahrheit. Selten ist es gelungen, in einem kurzen Werbespruch das Wesen eines Gastgeberlandes so gut zu beschreiben.
Nicht ohne Grund ist die Millionenshow mit dem charmant-frechen Armin Assinger seit Jahrzehnten ein erfolgreiches ORF-Familienformat für Jung und Alt. Wenn ich manchmal im Ausland nach dem Unterschied zwischen Österreich und Deutschland gefragt werde (das Sprichwort, dass uns die gemeinsame Sprache trennt, sagt ja schon viel), sage ich oft: „schauen Sie sich einmal die Millionenshow mit Günther Jauch im deutschen TV an und danach im ORF mit Armin Assinger – dann wissen Sie es“.
Dieser Vergleich macht sicher und wird rasch verstanden. Mir fallen aber auch andere ein, schauen Sie sich einmal ein ATP-Tennisturnier mit dem Kärntner Alex Antonitsch als Kommentator an und danach eines im deutschen Fernsehen mit einer deutschen Kollegin. Franz Klammer wird auch mit mehr als 70 Jahren noch immer als „der Kärntner Bua“ bezeichnet. Auch daran zeigt sich, wie sehr die liebenswürdige Kärntner Art mit einem Schuss Dialekt den Menschen gefällt. Eine große Ö3Umfrage hat ergeben, dass der Kärntner Dialekt vor dem steirischen der beliebteste in Österreich ist. Auch eine aktuelle Umfrage des OGM-Instituts zur gegenseitigen Sympathie der Bundesländer sieht Kärnten im Spitzentrio:
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In Österreich leben immer mehr Menschen. 1960 waren es 7 Millionen, 2025 bereits 9,2 Millionen. Noch vor 2040 wird die Einwohnerzahl die 10-Millionen-Grenze überschreiten. „Motor“ dieses Zuwachses war anfangs der Babyboom der 1960er Jahre. Es gab damals deutlich mehr Geburten als Sterbefälle. Später trug vor allem die Zuwanderung aus dem Ausland zur steigenden Einwohnerzahl bei. Auf den Babyboom folgte eine lange Periode des Geburtenrückgangs. Seit 2020 versterben in Österreich mehr Menschen als hier zur Welt kommen. Dass die Zahl der in Österreich lebenden Menschen dennoch weiter wächst, erklärt sich nun ausschließlich durch Migration: Es wandern deutlich mehr Menschen aus dem Ausland zu als dorthin abwandern.
Das Bevölkerungswachstum verteilt sich nicht gleichmäßig über das ganze Bundesgebiet. Trennlinie sind die Alpen. Der Alpenhauptkamm teilt Österreich nicht nur geographisch, sondern auch demographisch in zwei Teile.
Nördlich der Alpen lebt die Mehrzahl der Menschen dieses Landes. Und ihre Zahl wächst – vom Vorarlberger Rheintal bis ins nördliche Burgenland. Den größten Zuwachs verzeichnet die Bundeshauptstadt Wien, deren Einwohnerzahl in den letzten 50 Jahren um rund eine halbe Million zunahm. Überdurchschnittlich rasch steigt die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner auch in Vorarlberg und in Oberösterreich.
Südlich der Alpen wohnt der kleinere Teil unserer Bevölkerung. Und diese wuchs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts langsamer als im Westen und Osten Österreich. Im 21. Jahrhundert stagniert oder schrumpft die Einwohnerzahl in den meisten Regionen südlich des Alpenhauptkamms. Die Zone mit stagnierender oder sinkender Bevölkerung verläuft von Osttirol und dem Salzburger Lungau über Kärnten und die Steiermark bis ins südliche Burgenland. Gegen diesen Trend wachsen im Süden Österreichs nur Klagenfurt samt umliegender Gemeinden, die Stadt Villach sowie der Großraum Graz.
Kärnten ist das einzige Bundesland, in dem die Einwohnerzahl seit Beginn des 21. Jahrhunderts mehr oder weniger stagniert. Im Jahr 2000 hatte das Land 560.000 Einwohner; heute sind es rund 570.000. Zukünftig wird die Bevölkerung wahrscheinlich leicht schrumpfen. Dies hat zwei unterschiedliche Ursachen: Zum einen ist die Zahl der Geburten kleiner als die Zahl der Sterbefälle und wird es auf absehbare Zeit bleiben. Zum anderen übersiedeln mehr Menschen – vor allem jüngere Erwachsene – aus Kärnten in andere Bundesländer als umgekehrt. Dadurch schrumpft die Zahl der noch in der Heimat lebenden Kärntnerinnen und Kärntner – einerseits durch den Überschuss an Todesfällen; und andererseits durch die Abwanderung in andere Bundesländer sowie ins Ausland. Kompensiert wird dies durch Zuwanderung aus dem Ausland, die allerdings im Fall Kärntens – im Vergleich zu anderen Teilen Österreichs – bislang weniger stark ausfiel. Die negative Bevölkerungsentwicklung hat einen doppelten Hintergrund. Zum einen bewirkte die Modernisierung unserer Gesellschaft einen deutlichen Rückgang der Kinderzahlen. Denn ökonomisch bringt es potenziellen Eltern keinen Vorteil, mehrere Kinder zu haben. Im Gegenteil: Kinder kosten Geld und ihre Betreuung bedeutet insbesondere für Frauen vielfach Teilzeitarbeit mit verringertem Einkommen. Auch für die Absicherung im Alter sind eigene Kinder in unserem Sozialstaat nicht nötig. Diese Diagnose gilt freilich für alle modernen Gesellschaften.
Zwar bekommen Kärntnerinnen im Schnitt 1,6 Kinder – und damit mehr als im österreichischen Bundesdurchschnitt –, doch dies reicht bei weitem nicht aus, um die Todesfälle zu kompensieren. Zudem bewirkt die Abwanderung junger Frauen, dass geborene Kärntnerinnen ihre Kinder später woanders zur Welt bringen. Auch das verringert die Zahl der Geburten in Kärnten.
Zum anderen fehlt einem Teil der jüngeren Erwachsenen daheim die Perspektive. Wer zum Beispiel Architektur und Bauwesen, Rechtswissenschaften (jenseits des Wirtschaftsrechts), Medizin oder technische Fächer studieren will, muss jedenfalls in ein anderes Bundesland oder ins Ausland gehen. Viele kehren nach Studienabschluss nicht mehr in die alte Heimat zurück. Umgekehrt bedeutet das Studienangebot, dass ausländische Studierende nur in beschränkter Zahl nach Kärnten kommen und hier ihren Abschluss machen. Beides schwächt den Standort Kärnten und erschwert überdies das Entstehen einer lebendigen Startup-Szene. Ein Ausbau des tertiären Bildungsangebots – sowohl quantitativ als auch qualitativ – könnte diese Situation deutlich verändern. Dies würde allerdings erhebliche Mehrausgaben der öffentlichen Hand oder die Etablierung von Privatuniversitäten voraussetzen.
Auch beruflicher Aufstieg oder der Wunsch nach höherem Einkommen können dazu führen, dass Kärntnerinnen und Kärntner im Laufe ihres Berufslebens wegziehen. Dabei spielt eine Rolle, dass etliche in Kärnten vertretene Firmen ihr Hauptquartier anderswo haben. Zugleich ist die Zahl an dynamisch sich entwickelnden Kärntner Industrie- und Dienstleistungsbetriebe zu klein, um eine stetig wachsende Zahl attraktiver Arbeitsplätze zu schaffen. Nur das könnte die besser ausgebildeten Kärntnerinnen und Kärntner im Land halten und qualifizierte Zuwanderer aus dem In- und Ausland zur Übersiedelung nach Kärnten motivieren. Das Beispiel Infineon in Villach zeigt, dass dies durchaus funktionieren kann. Kärnten bräuchte mehrere solche Leitbetriebe.
Schließlich spielt die Geografie eine Rolle. Kärnten liegt zwar an zentralen Verkehrsachsen im Herzen Europas, aber nicht in der Nähe größerer städtischer Agglomerationen. Dadurch gibt es relativ wenige Personen, die in Kärnten wohnen und in ein benachbartes Bundesland oder in die Nachbarländer Slowenien und Italien zur Arbeit pendeln. Das könnte sich allerdings durch den Koralmtunnel ändern. Leben in Klagenfurt oder in Unterkärnten und arbeiten im Großraum Graz werden in Zukunft möglich sein. Falls damit nicht nur Kärntner Arbeitskräften das Pendeln ermöglicht, sondern auch Steirerinnen und Steirern ein Wohnsitz in Unterkärnten schmackhaft gemacht werden soll, müsste in dieser Region – z.B. im Lavanttal und im Jauntal – zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden.
Demographische Prognosen rechnen für Kärnten in den kommenden Jahrzehnten – entgegen dem Bundestrend – mit einem moderaten Rückgang der Einwohnerzahl. Besonders betroffen sind Städte und Gemeinden in den Bezirken Spittal an der Drau, Hermagor, St. Veit und Wolfsberg. Ob es dazu kommt, hängt allerdings ganz wesentlich vom Ausmaß der zukünftigen Abwanderung von Einheimischen und von der Höhe der Zuwanderung (insbesondere aus dem Ausland) ab. Damit steht Kärnten vor zwei Alternativen, zwischen denen sich früher oder später auch etliche andere Regionen Österreichs und Europas entscheiden müssen und die beide nicht sonderlich populär sind:
Entweder wollen die Menschen zwischen Katschberg und Karawanken zukünftig in einer rasch alternden und schrumpfenden Gesellschaft leben. Das bedeutet automatisch weniger Steuermittel, die dem Land und den Gemeinden über den Finanzausgleich zur Verfügung stehen. Die damit verbundenen verteilungspolitischen Konflikte sind gut absehbar. Immer weniger Kinder, Jugendliche und jüngere Erwachsene führen wahrscheinlich zur Schließung bzw. Zusammenlegung von Kindergärten und Schulen. Weniger Einwohner mit möglicherweise schrumpfender Kaufkraft bewirken früher oder später eine Ausdünnung der Nahversorgung sowie des Angebots an privaten Dienstleistungen. Weniger Finanzmittel zwingen zur Zusammenlegung von Krankenhäusern, gegebenenfalls auch von Gemeinden. Zugleich müssen die Fixkosten für öffentliche Dienstleistungen der Gemeinden von immer weniger Haushalten getragen werden. Und es bedeutet auch: Die Nachfrage nach Wohnraum sinkt und damit auch die Höhe der Mieten sowie der Immobilienpreise. Zugleich gibt es mehr Leerstand.
Oder Kärnten akzeptiert nach Maßgabe des zukünftigen Bedarfs an Arbeitskräften mehr und dauerhafte Zuwanderung aus dem Ausland. Dabei geht es nicht um die Aufnahme von Flüchtlingen, sondern um das aktive Ansprechen und eine anschließende Integration qualifizierter Zuwanderinnen und Zuwanderer, die sich auch anderswo niederlassen könnten. Dazu müsste sich die Kärntner Gesellschaft zweifellos weiter öffnen, mehr Vielfalt zulassen und Zugewanderte als zukünftige Mitbürgerinnen und Mitbürger akzeptieren. Notwendig wäre wohl auch ein Kulturwandel in den zuständigen Behörden. Denn in einer Welt alternder und demographisch schrumpfender wohlhabender Gesellschaften Europas, Nordamerikas und Ostasiens dürfte eine Konkurrenz um talentierte, gut ausgebildete und mobile Menschen aus Afrika, Lateinamerika und Südasien entstehen. Die werden zukünftig unter etlichen Zielländern wählen können. Wenn sie den Eindruck gewinnen, hier im Land nicht willkommen zu sein, werden sie entweder nicht hierher übersiedeln oder nicht lange dableiben.
Beide Alternativen – eine Schrumpfung der Bevölkerung oder mehr Zuwanderung aus dem Ausland – sind politisch nicht sonderlich populär, weil sie spürbare Änderungen bewirken und Anpassungen erfordern, die von einem beträchtlichen Teil der einheimischen Bevölkerung vehement abgelehnt werden. Doch der Blick auf die demographische Realität macht klar: eine dritte Alternative ist nicht in Sicht.
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Warum 80 % der Wiener die Kärntner sympathisch finden (aber nur 58 % der Kärntner die Wiener) und was Egyd Gstättner, Martin Kušej und Oliver Vitouch über ihre Heimat schreiben.
Zum Magazinbeitrag: Wie tickt Kärnten wirklich? Eine komplizierte Liebesgeschichte →

