Was ist Freimaurerei heute? Zwischen angelsächsischer Tradition und liberalem Aufbruch
Geheimbünde, verschwiegene Ränkespiele, verstaubte Mythen: Kaum eine Institution wird in der Öffentlichkeit so missverstanden wie die Freimaurerei. Wer hinter die Pforten der Logen blickt, findet keine weltbeherrschenden Zirkel, sondern Menschen, die an sich selbst arbeiten – am klassischen „rauen Stein“ der eigenen Persönlichkeit.
Dabei begegnen Suchenden heute vor allem zwei große Ausprägungen: die angelsächsisch geprägte, traditionelle Freimaurerei, wie sie in der Großloge von Österreich gepflegt wird, und die liberale Freimaurerei. Wer genauer hinschaut, erkennt rasch: Im rituellen Kern, im Streben nach Humanität und in der brüderlichen Arbeit sind die Unterschiede erstaunlich gering. Sie unterscheiden sich im Wesentlichen an zwei formalen Weggabelungen – und beide Richtungen besitzen ihre eigene historische Tiefe und volle Berechtigung.
Zwei Wege der Maurerei: Wo liegen die tatsächlichen Unterschiede?
Während die Rituale, Werkzeuge und humanistischen Ideale weitgehend deckungsgleich sind, prägen zwei Grundhaltungen das Selbstverständnis der beiden Traditionen:
- Die angelsächsische / traditionelle Strömung (Großloge von Österreich): Sie arbeitet historisch bedingt rein maskulin. Eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Aufnahme ist das persönliche Bekenntnis zu einem Schöpferprinzip (symbolisiert als Großer Baumeister aller Welten). Dogmenfreie Spiritualität und die enge Bindung an überlieferte englische Traditionen stehen hier im Mittelpunkt.
- Die liberale / adogmatische Strömung: Sie öffnet die Tempelpforten für Männer und Frauen gleichermaßen (gemischte Logen) und setzt auf absolute Gewissensfreiheit. Ob jemand an ein höheres Prinzip glaubt, Agnostiker oder Atheist ist, bleibt allein der individuellen Überzeugung überlassen.
Beide Traditionen verfolgen denselben Zweck: den Menschen zu befähigen, ein bewussteres, gerechteres und ethischeres Leben zu führen.
Die liberale Perspektive: Tugendarbeit im Puls der Gegenwart
Wie lebensnah diese Arbeit fernab von theoretischer Abstraktion ist, zeigt Alessandro Boccasasso im Vorwort zu „Tugenden meistern“. Freimaurerei ist kein theoretisches Philosophie-Seminar und keine elitäre Diskussionsrunde. Sie ist eine praktische Werkstatt der Selbsterkenntnis.
Boccasasso bringt es treffend auf den Punkt: In einer beschleunigten Welt, die oft von Egozentrik und gesellschaftlicher Polarisierung geprägt ist, bieten die klassischen Kardinaltugenden – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung – ein verlässliches Koordinatensystem. In liberalen Logen begegnen sich Suchende auf Augenhöhe, unabhängig von Geschlecht oder Status. Es ist ein geschützter Raum, um das Zuhören neu zu lernen und ethische Werte nicht bloß zu debattieren, sondern im Alltag spürbar zu leben.

Tugenden meistern
Alessandro Boccasasso u. a. (Hrsg.) – Hardcover, 228 Seiten. Freimaurerische Impulse für Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung im Alltag.
Das menschliche Gesicht der Tradition: Dieter Hönigs bleibendes Vermächtnis
Wer die traditionsreiche, maskuline Maurerei der Großloge von Österreich aus erster Hand verstehen will, greift zu Dieter Hönigs „Testament eines Freimaurers“.
Der Titel ist Programm: Ein Testament ist im eigentlichen Sinn immer ein Vermächtnis – eine Essenz der Werte, Erkenntnisse und Erfahrungen, die man der nächsten Generation mit auf den Weg gibt. Genau das hinterlässt Dieter Hönig der Nachwelt. Der Autor ist inzwischen in den Ewigen Osten eingegangen, wie man in der Maurerei sagt, doch sein Buch bleibt als lebendiges, zeitloses Zeugnis erhalten.
Wie auch der Rezensent Rudi Rabe im Freimaurer-Wiki hervorhebt, besticht das Werk vor allem durch seine Offenheit und Selbstkritik – der Autor spart nicht mit Kritik an sich selbst. Hönig verzichtet auf elitäres Gehabe und gewährt erfrischend authentische, oft selbstironische Einblicke in das Logenleben – etwa wenn er augenzwinkernd von jenem Logentyp erzählt, der die Maurerschurze am liebsten gleich per Nachnahme an die Brüder verschicken würde, damit die wenigstens durch den Weg zur Post etwas dafür leisten. Rabes Frau Brigitte, selbst Freimaurerin, bringt es in der Rezension auf den Punkt: Das Buch sei „so ziemlich das beste, was ich bisher über die Freimaurerei gelesen habe“.

Testament eines Freimaurers
Dieter Hönig – Softcover, 180 Seiten. Ein humorvoller, anekdotischer und zutiefst menschlicher Einblick in die traditionelle Großloge von Österreich.
Zwei Seiten derselben Medaille
Ob traditionell-angelsächsisch mit dem Blick auf das Schöpferprinzip oder liberal-gemischt mit absoluter Gewissensfreiheit: Die Wege mögen formal variieren, das Ziel bleibt identisch. Freimaurerei bedeutet, die eigene Bequemlichkeit zu hinterfragen und Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen.
Beide Bücher aus dem Delta X Verlag ergänzen sich ideal: Sie entzaubern die Verschwörungsmythen und zeigen, worum es im Tempel wirklich geht – um den Menschen.




