Ukraine, Iran und Nahost: Warum wir das Konzept des „Positiven Friedens“ heute dringender brauchen denn je
Eine wissenschaftliche Einordnung zur Logik der Aufrüstung und den Auswegen aus der permanenten Eskalationsspirale.
Ob der Krieg in der Ukraine, die militärische Konfrontation rund um den Iran und den Nahen Osten oder die schleichende Machtprobe zwischen den USA und China: Die Weltordnung befindet sich in den schwersten Turbulenzen seit Jahrzehnten. Die bisherige Antwort der internationalen Politik beschränkt sich meist auf militärische Aufrüstung, Abschreckung und die Hoffnung auf ein baldiges Schweigen der Waffen.
Doch ein reiner Waffenstillstand schafft keinen dauerhaften Frieden. Der renommierte Politikwissenschaftler Prof. Heinz Gärtner zeigt in seinem Buch „Ideen zum positiven Frieden“, warum militärische Abschreckung allein scheitert und wie echte Stabilität in aktuellen Krisenregionen entstehen kann.
1. Das Missverständnis des „Negativen Friedens“ in aktuellen Konflikten
In der Friedens- und Konfliktforschung wird strikt zwischen zwei Zuständen unterschieden. Was in den Nachrichten meist als Frieden bezeichnet wird, ist lediglich ein „Negativer Frieden“: das bloße Fehlen physischer oder militärischer Gewalt.
- Ukraine-Konflikt: Ein bloßes Einfrieren der Frontverläufe hinterlässt einen schwelenden Herd. Die strukturellen Ursachen, Gebietsansprüche und Sicherheitsbedenken bleiben ungelöst.
- Iran und der Nahe Osten: Die militärische Konfrontation mit dem Iran und die Dauerkrise in der Region verdeutlichen das Scheitern reiner Sanktions- und Abschreckungspolitik. Ohne eine echte regionale Sicherheitsarchitektur, verbindliche Atomabkommen und den Miteinbezug aller Akteure bleibt die Region in einer permanenten Eskalationsspirale gefangen.
2. Die Logik der Aufrüstung: Das Teufelsrad des Sicherheitsdilemmas
Aktuell erleben wir weltweit eine massive Rückkehr zur klassischen Machtpolitik. Doch Gärtner belegt anhand historischer und aktueller Beispiele, dass reine Aufrüstung oft das Gegenteil von Sicherheit bewirkt:
Wenn ein Staat oder Bündnis aufrüstet, um sich sicherer zu fühlen, interpretiert die Gegenseite dies als Bedrohung und rüstet ebenfalls auf (Sicherheitsdilemma). Das Ergebnis ist kein Frieden, sondern ein hochgefährliches Wettrüsten. Die Trennung der Welt in starre Blöcke blockiert zudem wichtige diplomatische Kanäle und internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen.
3. Wie sieht „Positiver Frieden“ in der Praxis aus?
Echter, Positiver Frieden verlangt, dass Machtpolitik durch verlässliche, gemeinsame Strukturen ersetzt wird. Im Nuklearzeitalter kann Sicherheit nicht gegen den Gegner, sondern nur mit ihm organisiert werden:
- Verbindliche Verträge & Rüstungskontrolle: Transparenz und bilaterale Abkommen bauen gegenseitiges Misstrauen ab.
- Aktive Neutralität nutzen: Neutrale Staaten wie Österreich besitzen das diplomatische Potenzial, als unparteiische Vermittler und Verhandlungsorte zu dienen – eine Rolle, die in Zeiten verhärteter Blöcke wertvoller ist denn je.
- Bekämpfung struktureller Ursachen: Soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Stabilität und das Überwinden kollektiver Feindbilder sind das Fundament tragfähiger Beziehungen.



