Norbert Regitnig-Tillian (Hg.)
Die Corona-Krise
Was wir daraus lernen
164 Seiten, Delta X Verlag. ISBN:978-3-903229-21-1
Preis: 17,60 Euro
Juni 2020
Dieser erste Band mit Reflexionen über die Corona-Krise versammelt Beiträge von Expert*innen und Betroffenen, die sich mit dem Erleben von Maßnahmen, Krankheit und Gesundheit beschäftigen. Sie stammen aus verschiedenen Bereichen und beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven die Corona-Krise. Dabei geht es allen Autorinnen und Autoren um die zentrale Frage: Was haben wir daraus gelernt? Könnten wir es jetzt besser machen? Würden wir es anders machen? Was ist zu lernen für ein nächstes Mal, für das Gesundheitssystem, die Gesellschaft, den Umgang mit uns selbst, mit unseren Kranken, Alten, mit unseren Lieben?
Mit Beiträgen von Roland Brandner/Sonja Sagmeister-Brandner, Anselm Fleischmann, Nikolaus Forgo, Christine Moik, Sascha Mundstein, Alfred J. Noll, Stephan Ruß-Mohl, Eugen Maria Schulak, Andreas Sönnichsen.
📖 164 Seiten
🔢 ISBN: 978-3-903229-21-1
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Dieser erste Band mit Reflexionen über die Krise versammelt Beiträge von Expert*innen und Betroffenen, die sich mit dem Erleben von Maßnahmen, Krankheit und Gesundheit beschäftigen. Sie stammen aus verschiedenen Bereichen und beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven die Corona-Krise. Dabei geht es allen Autorinnen und Autoren um die zentrale Frage: Was haben wir daraus gelernt? Könnten wir es jetzt besser machen? Würden wir es anders machen? Was ist zu lernen für ein nächstes Mal, für das Gesundheitssystem, die Gesellschaft, den Umgang mit uns selbst, mit unseren Kranken, Alten, mit unseren Lieben?
Die Auswahl der Beiträge entwickelte sich aus Medienbeobachtung, Diskussionen mit Betroffenen und selbstverständlich auch immer anhand der Frage: Wer möchte und hat etwas Profundes zur Krise zu sagen und auch dazu, was man daraus lernen kann? Die wirtschaftlichen Fragen sind in diesen ersten Reflexionen noch außen vorgelassen. Sie sollen in einem Folgeband behandelt werden.
Die Beiträge sind alphabetisch nach den Autor*innen-Namen geordnet, auf eine andere Systematisierung wurde bewusst verzichtet. Sie können der Reihe nach oder nach Interesse gelesen werden. Dass ein Erfahrungsbericht über die selbst erlebte Krankheit am Anfang steht und ein Beitrag über die eigentlichen Kosten der Krise am Ende, ist (ein glücklicher) Zufall.
Der praktische Arzt Roland Brandner und die Journalistin Sonja Sagmeister-Brandner berichten, wie sie die Krise erlebten. Brandner infizierte sich am Arlberg bei einem Ärztekongress mit COVID-19 und behandelte sich dann in freiwilliger Selbstisolation, in seinem Gartenhaus in Wien, selbst. Sonja Sagmeister-Brandner, seine Frau, blieb bei den gemeinsamen Kindern in der Wohnung und brachte Lebensmittel. Ihr Sukkus aus der zum Teil als „radikal“ erlebten Krise: „Wir sollten von Afrika lernen.“
Der Versicherungsmathematiker Anselm Fleischmann fragt sich, ob man genauere Prognosen über die Intensivbettenkapazität für COVID-19-Patienten machen hätte können. Ja, hätte man, sagt Fleischmann, für den das Erstellen von Prognosen als Krankenversicherungsmathematiker zum Berufsalltag zählt. Er zeigt anhand eines selbst entwickelten Prognosemodells, dass schon vor dem Lockdown exaktere Prognosen möglich gewesen wären. Hätte man einen Lockdown daher überhaupt gebraucht? Fassungslos zeigt sich Fleischmann jedenfalls gegenüber Mathematikerkollegen, die der Regierung „100.000 Tote in Österreich und mehr“ prognostizierten. Dieses „Schätzen ohne empirische Grundlage“ wird heute unter Versicherungsmathematikern als Negativbeispiel diskutiert, wie man es nicht machen soll, sagt der Prognoseexperte.
Nikolaus Forgó, Rechtswissenschafter und Hochschullehrer, zeigt, wie die Universitäten durch die Krise plötzlich digitales Lehren, Lernen – und auch Prüfen entdeckten. Innerhalb kurzer Zeit. Mit viel Widerspruch und Widersprüchlichkeiten. Von nachhaltigen Lösungen ist man aber so weit entfernt wie eh und je, meint Forgó. Denn alte Beharrungskräfte können schnell wieder die Oberhand gewinnen.
Christine Moik, Pflegewissenschafterin und Qualitätsmanagerin, stellt sich die Frage, wie es denn jenen Menschen erging, für die im Lockdown alle zu Hause bleiben sollten: die Alten und Kranken. Wie erging es Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern aber auch in der Hauskrankenpflege? Und was haben sie erlebt? Moiks Antwort fällt kritisch aus. Zu schnell, zu allgemein und nicht durchdacht waren die Maßnahmen für viele von ihnen gewesen. Ethisch bedenkliche Situationen von zwangsisolierten Menschen seien entstanden, die (vermeidbare) Einsamkeit und Angst erleben mussten. Zudem zeigten sich massiv die Schwächen des Pflegesystems, die schon vorher bestanden hatten. Da half auch nicht die Kriegsrhetorik von heldenhaft agierendem Pflegepersonal, für das es nicht einmal Schutzbekleidung gab. Was man daraus lernen muss, so Moik: Alte Versprechungen der Regierung sind einzulösen. Mehr Diskussion über Ethik in der Pflege und mehr Ressourcen seien unbedingt notwendig.
Der Präventionsexperte Sascha Mundstein setzt sich in Zeiten der Corona-Krise mit dem Begriff der Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation WHO auseinander. Dabei zeigt sich, wie sehr dieser emotional und begrifflich aufgeladen ist, dass ihm fast schon einen religiöser Charakter innewohnt beziehungsweise als solcher ein so gut wie unerreichbares Ideal darstellt. Was aber bedeutet diese Idealität für die operative Arbeit in Zeiten der Krise und Pandemie? Wie gesund kann ein Lockdown sein? Und was haben Fehler, die passierten, mit dem WHO-System an sich zu tun? Diese und andere Fragen, so Mundstein, sollten jetzt geklärt werden.
Alfred J. Noll, Rechtsanwalt, Universitätsdozent und ehemaliger Nationalratsabgeordneter stellt die Frage nach der Rolle der Freiheit in Zeiten der Krise. In Österreich würde diese durch das Staatsgrundgesetz aus dem Jahre 1867 eigentlich garantiert sein. In den Corona-Verordnungen ist davon freilich nichts mehr zu sehen. Für Noll sind die Verordnungen – Stichwort: Ausgangsbeschränkungen – daher von vornherein verfassungsrechtlich illegal gewesen. Der Staat könne auch in Zeiten der Krise die Freiheit nicht einfach zugunsten maximaler Sicherheit abschaffen, so Noll. Nur, wenn der Staat immer beide Pole – Sicherheit und Freiheit – beachtetet, erfülle er seine Aufgabe.
Stephan Ruß-Mohl, Medienforscher aus der Schweiz, thematisiert die Rolle der Medien während der Corona-Krise: Wurde umfassend, objektiv und ausgewogen informiert, profund kommentiert und wurden Zahlen, Daten, Fakten auch immer in Relation zum Ganzen gestellt? Oder war die Berichterstattung (auch oder nur) ein Spiel mit der Angst? Ging es mehr um Auflagen oder das Perpetuieren vorgefasster (Regierungs-)meinungen? Ruß-Mohl meint: Exakt können wir das noch nicht beantworten. Aber es gibt Vermutungen. Künftige Forschungsprojekte sollen und werden das klären. Wichtige Forschungsfragen, die in den Mittelpunkt gestellt werden, gibt Ruß-Mohl aber Forscherinnen und Forschern schon jetzt mit auf den Weg.
Der Philosoph Eugen Maria Schulak wirft die Frage auf, welchen Geistes Kind die Zeit der Corona-Krise war und diskutiert dabei die Prophezeiungen des Philosophen Friedrich Nietzsche. Dieser sah uns im 21. Jahrhundert in ein Jahrhundert der „Regression und Dekadenz“ geworfen, wo der Fortschritt dafür sorgen solle, dass es einmal „nichts mehr zu fürchten gebe“. Ist diese Infantilisierung der Preis der Sicherheit, so wie Nietzsche das sieht, oder, so fragt Schulak, was ist der Geist, dem die Zukunft gehören soll?
Andreas Sönnichsen, Experte für Public Health und evidenzbasierte Medizin, stellt die Frage nach dem eigentlichen Schaden der Krise. Sönnichsen spielt dabei aber nicht die Kosten der Gesundheit gegen jene der Wirtschaft aus. „Das wäre moralisch bedenklich“. Dafür aber geht er der Frage nach, wie es denn den anderen Kranken in der Zeit der Krise ging, die nicht an COVID-19 erkrankten. Zu beobachten sei dabei eines: Die Umstellung des Gesundheitssystems auf COVID-19-Krisenmodus ließe immer mehr „Kollateralschäden“ sichtbar werden. Diese aber wären unter Umständen vermeidbar gewesen, hätte man nicht aus Angst, sondern anhand evidenzbasierter Zahlen, Daten und Fakten gehandelt. Eine Lehre für die Zukunft.
Von Afrika lernen (Anfang)
Der praktische Arzt Roland Brandner steckt sich am Arlberg beim Ärztekongress mit COVID-19 an – und begibt sich in freiwillige Selbstisolation. Seine Frau, die ORF-Journalistin Sonja Sagmeister-Brandner, pflegt ihn – aus quarantänebedingter Entfernung. Hier erzählen sie über ihre Erfahrungen mit der Krankheit und der Corona-Krise.
Roland Brandner: Meine Geschichte hat am Arlberg begonnen, in der Nacht vom 12. auf den 13. März. Da habe ich in der Nacht Schüttelfrost bekommen. Ich war in St. Christoph, einer kleinen Ortschaft oben am Arlbergpass, bei jenem Ärztekongress, der dann durch die Medien gegangen ist. Rundherum bekamen wir schon Informationen über Coronafälle in St. Anton. Die Lifte wurden geschlossen. In St. Anton wurden wegen dem Virus die Gastronomie reduziert. In dieser Nacht habe ich Fieber gehabt. In der Früh dachte ich mir: Na, da habe ich jetzt Corona.
Ich hatte natürlich über Corona-Symptome gelesen und gehört. In der Woche davor hatte ich Durchfall, aber keinen Leistungseinbruch, ab und zu Kopfweh, aber kein Fieber, keine Atembeschwerden. Dann in der Früh hab ich auch einen leichten trockenen Husten, ich fühl mich fiebrig. Ich nehm ein fiebersenkendes Medikament. Dann geht es mir besser.
Sicher war ich mir nicht ob ich mich mit dem CoronaVirus infiziert hatte. Beim Frühstück habe ich mich vorsichtshalber aber schon einmal abgesondert. Ich wollte eigentlich keinen Kontakt mehr zu anderen. Die Kollegen scherzten, ob ich jetzt glaube, Corona zu haben, weil ich jetzt ganz am anderen Ende des Tisches sitze. Also es war schon ein Thema. Ein paar andere hatten auch schon einen leichten Husten.
Nach dem Frühstück bin ich dann auf das Zimmer gegangen, habe meine Sachen gepackt. Ich telefonierte mit meiner Frau Sonja und informiere sie, dass ich jetzt nach Wien fahren werde.
Sonja Sagmeister-Brandner: In Wien war zu dieser Zeit sehr viel los. Es ist die Angst vor Corona zu spüren. Die Leute machten schon Panic-Shopping, also Hamsterkäufe. Und wie mein Mann mir sagte, er komme jetzt nach Wien, habe ich ihm gesagt: Bitte versuche noch irgendwo etwas einzukaufen.
Roland: Ich bleib dann noch in St. Anton bei einem Supermarkt stehen. Mir sind dort alle schon krank vorgekommen. Auch die Kassierin hat krank ausgeschaut. Ich bin zu dieser Zeit schon mit Maske rumgelaufen, die hatte ich im Auto.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich erst eine Vermutung, dass ich COVID-19 haben könnte. Getestet war ich noch nicht. Auf der Fahrt höre ich dann im Radio, dass St. Anton Quarantänegebiet wird. Ich sehe auf der Gegenfahrbahn viel Polizei mit Blaulicht in Richtung St. Anton fahren.
Wie ich in Wien ankomme, bin ich gleich in unser Gartenhaus gegangen, das heißt einen abgesonderten Bereich, der nicht mit unserer Wohnung verbunden ist. Ich begebe mich also in freiwillige Selbstquarantäne. Das hätte ich damals noch nicht müssen. St. Christoph war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Quarantänezone. Die restlichen Kollegen vom Ärztekongress, die noch dort oben waren, sind dann über den Arlbergtunnel, sprich über Vorarlberg, nach Hause gefahren. Und viele wollten nächste Woche wieder arbeiten gehen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass St. Christoph aber auch bald Quarantänegebiet wird, war recht hoch. Der Arlberg hat ja von Lech bis St. Anton ein zusammenhängendes Skigebiet, und dass da auch Infektionsfälle hin und her gefahren sind, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen.
In Wien informiere ich jedenfalls die Ärztekammer, dass ich am Arlberg war und mich jetzt wegen meiner Beschwerden in Quarantäne begebe – und empfehle, dass das auch meine Kollegen und Kolleginnen tun sollten. Das Wichtigste für mich war, dass kein infizierter Arzt arbeiten geht, dass alle informiert sind und dass damit die Ansteckungskette unterbrochen wird.
Die Ärztekammer reagiert schnell. Sie beginnt von sich aus nachzurecherchieren und setzt alle Kongressteilnehmer auf die Quarantäneliste – obwohl über St. Christoph noch gar keine Quarantäne verhängt gewesen war. Vier Tage später steht aber auch St. Christoph unter Quarantäne.
Indes versuche ich einen Corona-Test zu bekommen. Das aber ist irrsinnig schwierig. Ich rufe die Corona-Hotline 1450 an, hänge mehr als 1,5 Stunden in der Warteschleife und kann darüber keinen Test auftreiben. Ich schaffe es dann aber über meine Arztkontakte.
Am nächsten Tag, es ist ein Samstag, bekomme ich dann einen Abstrich. Beim Test fiebere ich schon rauf auf 40 bis 41 Grad Celsius. Ich bin sehr müde. Ich messe mir den Puls, nehme fiebersenkende Medikamente. Essen gegenüber entwickle ich eine regelrechte Abneigung. Apfelmus ist das Einzige, das ich noch vertrage. Als ich mir ein Paar Würstel mache, kommt große Übelkeit. Zwar habe ich keine Gliederschmerzen und kaum Kopfschmerzen, aber ich verspüre einen Druck auf der Brust und habe das Gefühl, nicht durchatmen zu können. Ich habe mir aber immer auch selbst den Sauerstoffgehalt im Blut gemessen, der zum Glück in Ordnung war. Manchmal bin ich in der Nacht aufgewacht und habe meine Messungen durchgeführt.
Am Montag habe ich mir dann selbst Blut abgenommen und das wurde dann zu meinen Kollegen zur Auswertung gebracht. Ich fürchtete mich, dass da einige Parameter aus dem grünen Bereich rausfallen würden. Dann erhalte ich meine Laborwerte: Meine Entzündungswerte waren ein bisschen erhöht, aber nicht sehr. Ein Laborwert war sehr hoch, die Leberwerte waren auch ein bisschen erhöht. Die Blutfette waren vermindert, die weißen Blutkörperchen ganz weit unten. Alles ganz typisch für eine virale Lungenentzündung. Aber alles in allem nicht so schlimm. Ich bin erleichtert.
… weiter im Buch.

