Delta X Verlag

Sachbücher zu Gesundheit, Psychologie, Politik & Gesellschaft

Luckenwald von Ines Sommer

Luckenwalde

Ines Sommer

Über die Freiheit in Bananen zu rechnen.

Delta X Verlag. ISBN: 978-3-903229-04-4

Preis: 20,45(A); 19,89 (D)

Jubiläumsausgabe “30 Jahre Mauerfall 1989- 2019”

Alltag einer DDR-Christin

Ines Sommer, Jahrgang 1973, wächst als Christin in der DDR auf. In ihrem witzig-skurrilen Entwicklungsroman “Luckenwalde. Von der Freiheit in Bananen zu rechnen” erzählt sie ihre Geschichte. Anlässlich “30 Jahre Mauerfall 1989-2019” bringt der Wiener Delta X Verlag eine erweiterte Jubiläumsausgabe heraus.

Wissen Sie noch, was Sie machten und wo Sie waren, als die Mauer fiel? Ines Sommer hat das Ereignis (fast) verschlafen. In ihrem Entwicklungsroman “Luckenwalde” erzählt die Autorin von ihrem Alltag als Kind und Christin im Arbeiter- und Bauernstaat. Dass ihr Erich Honecker persönlich die Fünftagewoche genehmigte, weil sie aus Glaubensgründen samstags nicht zur Schule gehen soll. Dass ihre Eltern wochenlang an Schlafstörungen litten, weil sie sich ob ihres Liedtextes für eine Schulband immer wieder in Lachkrämpfen wanden. Dass sie sich mit 14 weigerte, der FDJ beizutreten und sie mit knapp 15 der Liebeskummer packte, weil ihre erste große Liebe das Land verlässt. Dann fällt die Mauer: Sie ist 16 – und die Einzige ohne Rote-Socken-Vergangenheit. Sie wird Schulsprecherin….
“Anlässlich des Jubiläums sitze ich an meinem Schreibtisch und denke darüber nach, ob sich etwas geändert hat, seitdem ich das Buch vor zehn Jahren geschrieben habe”, schreibt Sommer im Vorwort  der Neuausgabe von “Luckenwalde”. Nostalgie? Ernüchterung?
Luckenwalde gibt einen erfrischenden und aufschlussreichen Einblick in eine Welt, die mittlerweile schon für eine ganze Generation zu einem historischen Phänomen geworden ist, das man nicht mehr selbst miterlebt hat, und das doch noch immer prägend für alle ist. Robert Menasse, Deutscher Buchpreisträger 2017, hatte den Roman 2009 jedenfalls so kommentiert: “Wer verstehen will, wie ein Mädchen aus dem Osten Kanzlerin wird, soll dieses Buch über eine Sozialisation in der DDR lesen.”

Heute lebt Ines Sommer als Schriftstellerin in Wien. Angela Merkel ist noch immer Kanzlerin und der historische Rückblick spannender denn je.

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Inhaltsverzeichnis
Orange Kapitel sind in der Leseprobe enthalten – antippen zum Springen.
Meine ganz normale Arbeiter- und Bauernfamilie
Fahnenmalen für den Weltfrieden
Meine 5-Tage-Woche
Das Ende des Kapitalismus
Honeckers Hand
Schöner wohnen in der DDR
Nüchtern im Krieg
Ich habe einfach „Nein“ gesagt
Gemeine, allgemeine und hundsgemeine Genossen
Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen
Halbe Sachen und ganze Freundinnen
Durchs welke Land nach Prag
Drunter und drüben
Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf
… aber wir fahren in den Osten!
Meine Wende
Vorwort zur Jubiläumsausgabe
Aus dem Buch

Anlässlich des 30-jährigen Mauerfalls sitze ich an meinem Schreibtisch und denke darüber nach, ob sich etwas geändert hat, seit dem ich das Buch vor 10 Jahren herausgeben habe.

Gedanken über ein Land, das es so nie gab.

Liebe Bürgerinnen, liebe Bürger Europas!

Wenn man einmal das Wunder einer friedlichen Revolution erlebt hat, sieht man die Dinge anders – so hoffe ich jedenfalls. Systeme sind nicht festgeschrieben, und erst recht keine menschenfeindlichen Ideologien. Sie sind veränderbar, zum Guten hin. Also müssen wir uns selbst fragen, in welchen Organisationsformen wir leben wollen. Und wenn das so ist, fragt man sich, was die Menschheit erreicht hat, welche Ziele hat sie sich gestellt, welche hat sie verwirklicht. Österreich ist inzwischen zu meinem Zuhause geworden, aus dem Kosmos betrachtet, ist es ein kleines Land, und doch sind in den letzten Jahren Tausende zu uns gekommen. Menschen, die wir vielleicht früher als Fremde oder Feinde gesehen haben und die heute mit uns zusammen leben. Wie ich. Wir wissen, dass unser Land nicht perfekt ist, aber das woran wir glauben, begeistert immer wieder viele aus der ganzen Welt. Vielleicht haben wir unser Ziel – ein freundliches Miteinander zu schaffen manchmal aus den Augen verloren, aber wir können uns besinnen. Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit heißt nicht, sich einzumauern. Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit heißt auf den anderen zuzugehen, miteinander zu leben.

Nicht nur von einer verbesserten Welt zu träumen, sondern sie wahrmachen. Wir sind alle auf der Suche nach Alternativen vom harten Überlebenskampf des Finanzkapitalismus. Nicht jeder möchte bei Karieresucht und Konsumterror mitmachen. Nicht jeder ist für die Ellenbogenmentalität geschaffen.

Wir Menschen wollen ein anderes Leben. Wir merken, dass Autos, Fernseher und Einkaufen nicht alles sind. Manche von uns sind bereit mit nichts anderem als gutem Willen, Tatkraft und Hoffnung ein anderes Leben zu verwirklichen.

Für diese ist LUCKENWALDE geschrieben.

Ines Sommer, Oktober 2018

Ich habe meine Familie und Freunde übrigens nicht gefragt, ob ich ihre Geschichten in diesem Buch verwenden darf. Es ist daher alles erfunden, jede eventuelle Ähnlichkeit ist allein meiner Phantasie entsprungen, keine Erinnerungen, nichts aus dem realen Leben. Und wenn, dann nur in einer zufälligen Art. Manchmal scheint es ja ohnehin, dass erinnerte Namen, Orte und Zeiten nichts mit der eigenen Geschichte zu tun haben. Jeden Morgen zum Beispiel.

Bei einigen Leuten, die ich aus steuerrechtlichen Gründen hier nicht nennen kann, möchte ich mich an dieser Stelle bedanken: Danke!

Wirkliches aus k/einem Land
Aus dem Buch

Wo beginne ich, ein Land zu beschreiben, das es nicht mehr gibt? Kein roter Fleck mehr neben der BRD. Verschwunden, das kleine Land zwischen dem Westen und Polen. Untergegangen, der einstige Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden. Wie unser Wir-Gefühl, wie unsere Zone.

Ich könnte ein ganz neues Land erfinden. G’schichtln drucken, wie die Österreicher das nennen. Erzählen, was von hinten bis vorne nicht gerade erlogen, aber gut ausgedacht ist und wovon man schon das Ende kennt. Sonst wär’s kein G’schichtl, zumindest kein witziges, Stammtisch geeignetes. Ich könnte also eine neue Welt schaffen. Wie diese Bolschewiken 1917. Nur ein wenig netter. Ohne Gewehre, dafür mit Gewähr.

Ich könnte mir einfach ein Land ausdenken und von drei Meter großen Schafen berichten, von denen schon ein einziges eine mittelgroße ostdeutsche Familie ein halbes Jahr ernährt. Den Chemie-Kombinaten in Leuna sollen bei Dünge-Experimenten ja einige Fehler unterlaufen sein. Fehler, die uns dann als vorbildliche Über-Erfüllung des Fünfjahresplans verkauft wurden. Eine marketingtechnische Meisterleistung. Klingt ja auch viel besser als verschludert und mit reichlicher Verspätung eingegriffen. Gerade so rechtzeitig, dass nicht ganz Leuna in die Luft geflogen ist. – Hallo? Das ist doch kein Testlabor! Das war unsere Wirklichkeit.

Aber am besten, ich beginne mit dem Ende, das kann für ein Buch über die DDR nicht so schlecht sein. Vor 20 Jahren war der Mauerfall. Und nun sitze ich hier in Wien, wo ich lebe, und schaue meine Tagebücher durch. Aus Sentimentalität und aus Sensationslust. Auf der Suche nach dem Besonderen. Ich, die Exotin fernab der Heimat.

Oder ich beginne an dem Ende, an dem die Vergangenheit so nachhängt. Wir Ossis ziehen ja immer noch so ein zerfurchtes Friedhofsgesicht auf, weil die DDR gestorben ist. Unser ewiger Hang zum Monumentalen und zur Gruppe hat uns eine Diktatur-Erfahrung eingebracht. Und wir trauern trotzdem. Als sei jeder Einzelne nach wie vor mit Erich Honecker liiert. Jeder von uns ein ostdeutscher Schläfer, mit DDR-Mark-Konto in Angola.

Immer noch wird es peinlich, wenn ich laut sage: „Ich komme aus dem Osten.“ Dann werde ich von anderen Deutschen verbessert: „Osten gibt es keinen mehr.“

Außerdem lebe ich schon länger im Westen als im Osten. Was also ist übrig? Welche Welt hat mich geprägt? Welcher Lebensabschnitt zu der gemacht, die ich heute bin?

Wie auch immer.

Ich heiße Ines. Ines Ruth Sommer, geborene Jurke. In Luckenwalde geboren und auch groß geworden. Ich bin 36 und lebe in Wien. Immer wieder mal liiert. Keine Kinder.

Kleine DDR Kunde: Von der Freiheit, in Bananen zu rechnen
Aus dem Buch

Zuallererst muss ich mit einigen Missverständnissen aufräumen: Ich komme zwar aus dem Osten, habe aber in meiner Kindheit nicht gehungert, unser Globus im Geografieunterricht war rund und wir haben uns nicht durch Wind bestäubt. Und was ich hier wirklich mal anbringen muss: Den Schmuddel-Look haben ja wohl nicht die Hollywood-Typen erfunden. Wir sind so rumgelaufen. Wir fanden das chic. Oh doch, lieber Herr Heinz Strunk, wir waren der Nabel der Modewelt.

Ich habe immer wieder mal begonnen, meine Lebensgeschichte aus den Tagebüchern herauszumeißeln. In der Art: Ich, die letzte Zeitzeugin des untergegangenen Atlantis. Denn war es vor fünf Jahren noch chic zu sagen: „Daran erinnere ich mich nicht“, gehöre ich heute bereits zu denen, die es noch wirklich erlebt haben.

Und Leute! Ich sage es euch im Voraus: In wenigen Jahren wird die DDR aus ihrer Versenkung auferstehen. Nein, zu schwach: Es wird eine DDR-Manie entstehen, die Sissi und ihre Touristen-Romantik in den Schatten stellt. Erich Honecker wird es im Taschenuhrformat geben. Für die Reise oder auch zum Hinstellen für zu Hause. Der Wecker wird „Steht auf, Verdammte dieser Erde“ brüllen. Und das Dunkelblau der FDJ-Hemden wird das Rot der Aids-Schleife ersetzen. Man wird sich in gemeinsamer Vergangenheitsvergewaltigung suhlen. Und die ganze West-Welt wird freiwillig von „geflügelten Jahresendfiguren“ sprechen. Von „Erdmöbeln“ statt von Särgen. Und der „antifaschistische Schutzwall“, die Mauer, wird aufgedruckt auf Linoleum als Auslegware die moderne Wohnung des 21. Jahrhunderts zieren. Und alles wird ur-hip und ganz langsam säuseln: „D-D-R…“

Darum wollte ich eigentlich eine Art Leitfaden für diese zukünftigen Gesellschaftstrends schreiben. Man kann ja nie wissen, man muss darauf vorbereitet sein. Ich meine, ich kann einfach die Plaste-Klamotten aus dem Schrank holen. Aber ihr, die ihr nicht in der Zone groß geworden seid, ihr braucht einen Einkaufsführer. Jemanden, der sozusagen einen Proto-Ossi beschreibt in seinen Römersandalen. Ich weiß schon, für einen solchen Leitfaden bekommt man keinen Nobelpreis. Aber einen Platz in der Ratgeberbibliothek, gleich neben dem Brockhaus. So viel zu meiner selbstlosen Seite.

Beginnen wir gleich mit der Freiheit: Freiheit war für uns Ostdeutsche so was wie der Inbegriff des Westens. Frei sein bedeutete Colgate kaufen und nach Mallorca fahren. Freiheit hieß für uns „Ariel“, „Wir sind das Volk“ und „MA-O-AM“.

In meinem Gebiet der Republik gab es Westfernsehen. Am Rande Berlins war es mit einem nassen Waschlappen zu empfangen. Die Sender waren zwar sicher nur aus Versehen in Richtung Osten gedreht, aber ich bin groß geworden mit Golf GTI, Otto-Katalog und Mainzelmännchen. Nur eingekauft haben wir das Zeug halt nicht. Doch so schlimm finde ich das auch wieder nicht. Ich bin herangewachsen mit Werbefernsehen, nur anders: Alles, was man im Fernsehen sah, konnte man nicht haben. Werbung war so etwas wie Raumschiff Enterprise. Eine unwirkliche Welt. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das so geschadet haben soll. Und überhaupt: Beamen ging auch im Westen nicht.

… weiter im Buch.